Understanding Trust

zur Homepage des Projekts "Vertrauen verstehen"

»Vertrauen verstehen. Grundlagen, Formen und Grenzen des Vertrauens«

Vertrauen (trust) ist ein Grundphänomen menschlichen Lebens, das nicht von ungefähr seit einiger Zeit in verschiedenen Disziplinen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Einerseits ist menschliches Leben in seinen individuellen und institutionalisierten Formen ohne Vertrauen nicht möglich (Vertrauen braucht man). Andererseits ist in vielen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens zunehmend von Vertrauenskrisen die Rede (Vertrauen geht verloren). Unklar und kontrovers sind aber nicht nur viele Einzelprobleme. Sachlich und methodisch unbefriedigend ist vor allem, dass Lösungen dieser Probleme noch immer vorwiegend oder ausschließlich in den Einzeldisziplinen gesucht werden.

Zielsetzung und Methodik

Die an dem Projekt »Vertrauen verstehen. Grundlagen, Formen und Grenzen des Vertrauens« beteiligten Wissenschafter/innen gehen von der Überzeugung aus, dass der Phänomenkomplex Vertrauen in exemplarischer Weise ein transdisziplinäres Problem ist, das nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen und methodischer Zugänge lösungsorientiert bearbeitet werden kann. Die Fragestellungen der Neurobiologie oder Verhaltensforschung sind nicht ohne weiteres auch die der Geschichtswissenschaft, Psychologie oder Theologie. Sie alle aber bearbeiten Vertrauensprobleme. Es legt sich nahe, das in engerem Zusammenhang zu tun, um sachlich und methodisch voneinander zu profitieren. Das ist bisher nur gelegentlich und in bilateraler Zusammenarbeit, nicht aber programmatisch pluridisziplinär und methodisch kontrolliert geschehen. Methodisch entscheidend für das Projekt ist, dass die an ihm beteiligten Disziplinen nicht nur durch die gegenseitige Rezeption von Ergebnissen von einander profitieren sollen, sondern durch methodische Kooperation schon beim Erarbeiten von Erkenntnissen. Sachlich erwarten wir, dass auf diese Weise ein kohärentes Verständnis von Vertrauen erarbeitet werden kann, das der biologischen Genese und den natürlichen Grundlagen des Vertrauens eben so Rechnung trägt wie seinen sozialen Formen, Institutionen und Problemen (trust, distrust, mistrust), so dass die Grenzen vernünftigen Vertrauens, Misstrauens und Nichtvertrauens genauer bestimmt werden können.

Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds und der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt.

Prof. Dr. Ingolf U. Dalferth/PD Dr. Simon Peng-Keller:
Grundvertrauen verstehen – Hermeneutische und empirische Erkundungen eines Grenzphänomens des Vertrauen
s
Der Begriff des ‚Grundvertrauens‘ gehört zu den populärsten und zugleich schwierigsten Konstrukten der Psychologie, Soziologie und Philosophie der Gegenwart. Analytisch und auch begriffsgeschichtlich lässt sich zwischen einem psychologischen, einem kommunikativen und einem existentiellen Grundvertrauen unterscheiden. Weder die Unterschiede zwischen diesen drei Dimensionen von Grundvertrauen noch die Beziehungen zwischen ihnen wurden in der bisherigen Forschung und hermeneutischen Reflexion ausreichend beachtet. Das vorliegende Projekt geht davon aus, dass durch eine hermeneutische Klärung bzw. eine empirische Überprüfung des Konstrukts ‚Grundvertrauen‘ eine bedeutsame Lücke in der bisherigen Vertrauensforschung geschlossen werden kann.

Prof. Dr. Ingolf U. Dalferth/PD Dr. Simon Peng-Keller:
Kommunikation des Vertrauens in Therapie, Medizin, Pädagogik, Management und Seelsorge

Das Projekt möchte erhellen, wie Vertrauen in spezifischen professionellen Beziehungen kommuniziert wird. Untersucht werden sollen fünf Berufsfelder, in denen der Aufbau und die Aufrechterhaltung von Vertrauen in je besonderer Weise von zentraler Bedeutung ist: Psychotherapie, Medizin, Pädagogik, Unternehmensführung und Seelsorge. Gefragt werden soll sowohl nach den Voraussetzungen und Faktoren gelingender Kommunikation des Vertrauens in den jeweiligen Bereichen als auch, im fächerübergreifenden Vergleich, nach Gemeinsamkeiten und bereichsspezifischen Differenzen und Eigengesetzlichkeiten. Ein besonderes Augenmerk soll dabei erstens auf die Dialektik von Vertrauen und Sicherheit(sverlangen) gelegt werden; zweitens auf das Verhältnis zwischen somatisch-symbolischer und verbaler Kommunikation; drittens auf die Rolle von metakommunikativen Sequenzen.

Prof. Dr. Ingolf U. Dalferth/PD Dr. Simon Peng-Keller:
Glauben, Hoffnung, Vertrauen - ‚Fiducia‘ als kontroverstheologische quaestio disputata

Nach Martin Luther und Philipp Melanchthon erfüllt sich die fides in der fiducia. Glauben bedeutet, der göttlichen Verheissung zu vertrauen bzw. sich Gott anzuvertrauen. Aus dem Vertrauen in die Gegenwart des Heils, erwächst die Hoffnung auf die endgültige Befreiung: „Fides est fiducia praesentis promissionis, spes est expectatio futurae liberationis“. Das Konzil von Trient kritisierte an dieser Bestimmung die Gefahr, zu einem „eitlen Vertrauensglauben“ zu verleiten (DH 1533), und betonte den kognitiv-voluntativen Charakter des Glaubensaktes. Die konfessionelle Differenz in der Glaubensanalyse gehörte über Jahrhunderte zu den zentralen Streitpunkten lutherisch-katholischer Kontroverstheologie, der im Zusammenhang mit der Frage nach der Glaubensgewissheit auch im Vorfeld der Gemeinsamen Erklärung für Diskussionen sorgte. Das Teilprojekt „Glaube, Hoffnung, Vertrauen“ widmet sich auf diesem Hintergrund den folgenden Fragen: Kann der traditionelle Gegensatz inzwischen als gelöst betrachtet werden? Welche Punkte sind bleibend strittig? Wie ist das Verhältnis zwischen Glauben, Vertrauen und Hoffnung im Rahmen heutiger evangelischer oder katholischer Theologie zu bestimmen? Tragen Einsichten aus der aktuellen philosophischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Vertrauensphänomenen zur theologischen Klärung bei?