Studienprogramm Hermeneutik

Die Hermeneutik befasst sich mit den Grundproblemen des Verstehens und Interpretierens – also mit Vorgängen, die für das menschliche Selbst- und Weltverhältnis entscheidend sind. Zum Menschsein gehört die basale Erfahrung gelingenden Verstehens ebenso wie die des Miss- oder auch Nichtverstehens. Gerade diese Fehlformen geben aber Anlass zu hermeneutischer Reflexion; sie lassen nachdenken über den Verlauf und die Gelingensbedingungen von Verstehensprozessen: Wie wird faktisch verstanden? Was muss gegeben sein, damit wir zumindest den Eindruck haben, richtig zu verstehen? Wie könnte allenfalls besser verstanden werden? Und wo liegen Grenzen des Verstehens – meines Verstehens oder auch des Verstehens an sich?

Diese Grundfragen stellen sich mit besonderer Dringlichkeit im Bereich wissenschaftlicher Verstehensvorgänge. Im Kontext der Wissenschaften tritt Hermeneutik daher generell in zwei Gestalten auf: als allgemeine Hermeneutik, die disziplinübergreifende Probleme der Methodenlehre von Verstehen und Interpretation bearbeitet, und als besondere Hermeneutik, die auf bestimmte disziplinspezifische Probleme reflektiert.

Die historischen Ursprünge der Hermeneutik sind eng mit der Auslegung normativer Texte verbunden. Die überindividuelle Geltung von heiligen Schriften und Gesetzestexten erforderte die Entwicklung von Regeln, die es erlaubten, zwischen zulässigen und nichtzulässigen Interpretationen zu unterscheiden. Manche der in diesem Kontext diskutierten Prinzipien und Probleme sind unverändert aktuell, etwa die Frage, inwiefern das „richtige“ Verständnis eines Textes an der Aussageabsicht seines Autors zu messen ist. Unverändert aktuell ist aber auch die Folgefrage, wie man dieser Absicht habhaft wird, wenn man (wie gerade im Fall heiliger Schriften) nur die Texte hat?
Doch gibt es nebst dem klassischen Bereich der Texthermeneutik ein weites Feld anderer Verstehensobjekte. Bilder oder auch Gesten lassen sich kaum ‚lesen‘ wie Texte. Wie steht es hier mit der Zuverlässigkeit des Verstehens – etwa auch über kulturelle Grenzen hinweg? Schließlich: Wie sehr ist im Verstehen von etwas immer auch das Verstehen seiner selbst involviert?

Das Bachelor-Studienprogramm führt in diese und weitere zentrale Fragestellungen der Hermeneutik ein. Zugleich gibt es einen Überblick über die historische Entwicklung des hermeneutischen Denkens und präsentiert heutige Positionen und Debatten. Die Studierenden lernen, die Theorien und Methoden ihres Hauptfaches kritisch auf deren hermeneutische Implikationen hin zu reflektieren. Sie haben zudem die Möglichkeit, ihre erworbene Kompetenz in einem Praxismodul in Form von Feldforschung zu erproben.

Das Master-Studienprogramm erlaubt den Studierenden, ihr hermeneutisches Wissen in allgemeinen (interdisziplinären) wie besonderen (disziplinären) Problemlagen weiter zu vertiefen. Ein Akzent liegt auf der Beschäftigung mit gegenwärtigen Dis-
kussionen und praktischen Anwendungsübungen.

Aufgrund der Eigenart hermeneutischen Fragens eignet sich das Studienprogramm zur Kombination mit beliebigen anderen Disziplinen.

 

Vorheriges Studienprogramm (PDF, 275 KB)

 

Kontakt:

hermes@theol.uzh.ch